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Hört mein Handy mit? Was hinter der Werbung nach einem Gespräch steckt

Du unterhältst Dich mit einem Kollegen über ein neues Fahrrad, und am Abend zeigt Dir Instagram genau dieses Fahrrad. Fast jeder kennt das. Hier steht, was nach heutigem Wissen dahintersteckt, was an der Abhör-These dran ist und was Du selbst prüfen kannst.

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Worum es geht

In der Mittagspause erzählt Dir ein Kollege von seinem neuen Rennrad. Du hast nie nach Rennrädern gesucht, nichts angeklickt, nichts eingegeben. Am Abend scrollst Du durch Instagram und siehst eine Anzeige für genau dieses Modell.

Der naheliegende Schluss: Das Handy hat zugehört. Die Erklärung ist meistens eine andere, und sie ist nicht unbedingt beruhigender. Werbenetzwerke brauchen kein Mikrofon, weil sie aus anderen Spuren erstaunlich viel ableiten können.

Was Untersuchungen zeigen

Forscher der Northeastern University in Boston haben 2018 mehr als 17.000 beliebte Android-Apps automatisiert untersucht. Heimliche Tonaufnahmen, die an Werbefirmen gingen, haben sie nicht gefunden. Gefunden haben sie dagegen Apps, die Bildschirminhalte und Aufzeichnungen der Bedienung an Dritte geschickt haben, ohne dass Nutzer davon wussten.

Technisch wäre dauerndes Mithören aufwendig. Es würde Akku und Datenvolumen spürbar belasten, und seit einigen Jahren zeigen iPhone und Android mit einem farbigen Punkt an, wenn eine App das Mikrofon nutzt. Dazu kommt: Die großen Plattformen wissen auch ohne Mikrofon genug.

Die wahrscheinlicheren Erklärungen

Dein Kollege hat gesucht

Der Kollege hat sich das Rad vorher im Netz angesehen, vielleicht im Firmen-WLAN. Werbeplattformen sehen, welche Geräte regelmäßig im selben Netz oder am selben Ort sind, und schließen daraus auf Beziehungen: Familie, Haushalt, Kollegen. Interessen eines Geräts können so auf andere Geräte in der Nähe abfärben. Dafür braucht es kein Mikrofon, nur eine gemeinsame IP-AdresseDie Nummer, unter der ein Anschluss im Internet erreichbar ist. Alle Geräte in einem WLAN zeigen nach außen meist dieselbe Adresse. Mehr bei Wikipedia (öffnet in neuem Fenster) oder einen Standort.

Du hast es selbst ausgelöst

Oft beginnt das Gespräch mit etwas, das Du schon gesehen hast: einer Anzeige, die Du nur im Vorbeiscrollen wahrgenommen hast, einem Beitrag eines Bekannten, einem Plakat. Das Gespräch kommt dann nicht vor der Werbung, sondern danach, und die Werbung läuft einfach weiter.

Du passt in die Zielgruppe

Alter, Wohnort, Jahreszeit, Interessen und die Seiten, die Du sonst besuchst, ergeben ein Profil. Wer im Frühjahr als sportlicher Mitvierziger eingestuft ist, bekommt Fahrradwerbung, ob er darüber redet oder nicht. Das Gespräch fällt zufällig in dieselbe Woche.

Dein Gehirn sortiert

Am Tag sehen wir sehr viel Werbung, die meisten Anzeigen vergessen wir sofort. Die eine, die zum Gespräch passt, bleibt hängen. Das nennt man FrequenzillusionWer sich gerade mit etwas beschäftigt, nimmt es plötzlich überall wahr und hält es für häufiger, als es ist. Auch Baader-Meinhof-Phänomen genannt. Mehr bei Wikipedia (öffnet in neuem Fenster). Verstärkt wird sie durch den BestätigungsfehlerDie Neigung, vor allem das wahrzunehmen, was die eigene Vermutung stützt. Mehr bei Wikipedia (öffnet in neuem Fenster): Die vielen Gespräche, nach denen keine passende Werbung kam, merkt sich niemand.

Wo tatsächlich zugehört wird

Ein paar Geräte hören tatsächlich, auf ihre Weise.

  • Sprachassistenten wie Siri, Alexa oder der Google Assistant warten ständig auf ihr Aktivierungswort. Das geschieht auf dem Gerät. Erst nach dem Wort wird aufgenommen und übertragen. 2019 wurde bekannt, dass Amazon, Google und Apple Ausschnitte solcher Aufnahmen von Menschen anhören ließen, um die Erkennung zu verbessern. Seitdem lassen sich die Aufnahmen in den Einstellungen löschen und die Auswertung abschalten.
  • Fehlauslöser: Ein ähnlich klingendes Wort im Gespräch kann den Assistenten versehentlich starten. Dann wird tatsächlich ein Stück Gespräch übertragen.
  • Fernseher: Viele Smart-TVs erkennen automatisch, was gerade läuft, auch bei angeschlossenen Geräten, und nutzen das für Werbung. Die Funktion heißt je nach Hersteller anders und lässt sich in den Einstellungen abschalten.
  • Apps mit Mikrofonzugriff: Eine App, der Du das Mikrofon erlaubt hast, kann es nutzen, solange sie läuft. Deshalb lohnt der Blick in die Liste.

So prüfst Du Dein Handy

  1. Mikrofonzugriff ansehen

    iPhone: Einstellungen › Datenschutz & Sicherheit › Mikrofon. Android: Einstellungen › Sicherheit und Datenschutz › Datenschutz › Berechtigungsmanager › Mikrofon, die Bezeichnungen unterscheiden sich je nach Hersteller etwas. Jeder App das Mikrofon entziehen, die es nicht wirklich braucht.

  2. Auf den Punkt achten

    Nutzt eine App gerade das Mikrofon, leuchtet oben am Bildschirm ein Punkt: beim iPhone orange (grün steht für die Kamera), bei Android grün. Im Kontrollzentrum oder durch Herunterziehen siehst Du, welche App es ist.

  3. Tracking über Apps begrenzen

    iPhone: Einstellungen › Datenschutz & Sicherheit › Tracking, Schalter "Apps erlauben, Tracking anzufordern" ausschalten. Android: Einstellungen › Datenschutz › Werbung, die Werbe-ID löschen.

  4. Nachsehen, warum Du eine Anzeige siehst

    Bei Google und Meta gibt es an jeder Anzeige über die drei Punkte den Eintrag "Warum sehe ich diese Werbung?". Dort steht, welche Merkmale den Ausschlag gegeben haben, etwa Alter, Ort oder Interessen. Im Werbecenter von Google und in den Werbepräferenzen von Meta lassen sich Interessen entfernen.

  5. Sprachassistenten aufräumen

    In der App des Assistenten die gespeicherten Sprachaufnahmen löschen und die Freigabe zur Verbesserung durch Menschen abschalten. Wer den Assistenten nicht nutzt, schaltet ihn ganz aus.

Fragen und Antworten

Ist es ausgeschlossen, dass mein Handy für Werbung mithört?

Ausschließen lässt es sich nicht. Belege für ein verbreitetes Mithören durch die großen Plattformen gibt es bisher nicht. Eine App mit Mikrofonzugriff könnte es technisch, deshalb lohnt die Kontrolle der Berechtigungen.

Hilft es, das Handy in Gesprächen wegzulegen?

Gegen die wahrscheinlichen Ursachen nicht. Die Werbung entsteht aus Spuren im Netz und aus Standortdaten, nicht aus dem Gespräch.

Warum sehe ich Werbung für etwas, das ich schon gekauft habe?

Weil der Werbende oft nicht erfährt, dass Du woanders gekauft hast. Er hält Dich für noch unentschlossen, bis Du aus seiner Zielgruppe fällst.

Bringt ein VPN etwas?

Ein VPN verbirgt Deine IP-Adresse und damit die Verbindung über ein gemeinsames Netz. Gegen Anmeldungen, Cookies und Standortdaten des Handys hilft es nicht.